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Hurra! Ballett-Historie ist mitgeschrieben

Hurra! Ballett-Historie ist mitgeschrieben

Anlass zum Feiern! Christian von Polentz/transitfoto Anlass zum Feiern!  – Mitglieder des Staatsballetts Berlin, in der Mitte: Sabine Schöneburg, ver.di-Gewerkschaftssekretärin Berlin-Brandenburg

Tänzerinnen und Tänzer des Berliner Staatsballetts erkämpften ihren ver.di-Tarifvertrag

Und sie dreht sich doch, die Erde. Und den Lauf der Geschichte kann auch der unwilligste Operndirektor nicht aufhalten. Georg Vierthaler und die Ballettwelt dürfen zur Kenntnis nehmen: An die
80 Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts Berlin haben einen ver.di-Haustarifvertrag mit dem deutschen Bühnenverein erkämpft. Er stellt sie in vielen Positionen besser gegenüber dem Normalvertrag Bühne/Tanz, den Sparten-Kleingewerkschaften und der Arbeitgeberverband der Branche übergestülpt haben.

Der Vertrag erfüllt »zu 80 Prozent« – so ver.di-Tarifsekretär Frank Schreckenberg – die Forderungen, die Ballettmitglieder seit dem Frühjahr 2014 gemeinsam mit ver.di-Sekretärin Sabine Schöneburg formuliert und in Gesprächen mit der Arbeitgeberseite immer wieder vorgetragen haben. Ernsthaft verhandeln wollte in der Opernstiftung mit ihnen niemand. Selbst dann nicht, als das Ensemble mit einem legendären Streik zu Karfreitag 2015 ein bis dahin nie dagewesenes Zeichen setzte: Solisten und Gruppentänzer standen geschlossen vor der Deutschen Oper und erklärten einem fassungslosen Publikum, warum »Dornröschen« ausfallen musste.

Neun Vorstellungen wurden bestreikt

Zehn Streiks insgesamt, davon neun mit Vorstellungsausfall in der Deutschen und in der Staatsoper, zeugten vom Kampfeswillen von Künstlerinnen und Künstlern, die in ihrer kurzen Laufbahn in der Regel nur eines wollen: Tanzen. »Wir tanzen Spitze: Haustarifvertrag jetzt!« hielten sie mehrfach als Transparent in den Schlussapplaus. Verhandelt wurde mit ihrer vielköpfigen und vielsprachigen ver.di-Tarifkommission dennoch nicht. Stattdessen übernahmen die Kleingewerkschaften GDBA und VdO die Tänzerforderungen und schlossen – quasi ohne eigene Mitglieder im Ensemble zu vertreten – im Oktober 2015 dazu einen Tarifvertrag. Ein aberwitziges Machtspiel, das  in der Tarifgeschichte seinesgleichen suchen dürfte.

Doch selbst davon ließen sich die Tänzerinnen und Tänzer weder beirren noch korrumpieren: Sie wollten einen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft, die in der sie fast geschlossen Mitglied sind – mit ver.di. Darüber sprachen sie selbst mit dem Regierenden Bürgermeister. Darauf wurde auch bei ver.di in Hintergrundgesprächen mit Bühnenverein und Politik weiter hingearbeitet.

Nun bekommen sie ihn! Nachdem auch der Stiftungsrat der Stiftung Oper in Berlin zugestimmt hat, unterzeichnen Bühnenvereins-Chef Rolf Bolwin, ver.di Berlin-Brandenburg und zwei Sprecher der Tänzer-Tarifkommission das Papier, das ein neues Kapitel Ballettgeschichte in der Bundesrepublik aufschlägt: Nach dem Haustarif mit dem Friedrichstadtpalast gibt es einen weiteren ver.di-Tarifvertrag für Balletttänzerinnen und -tänzer. Er regelt transparente Entgeltstrukturen, Ruhezeiten, Pausen und Gastierurlaub sowie Gesundheitsschutz und Bildungsmaßnahmen.

Neh

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aus: SPRACHROHR 1/2016