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Lockerungsübungen

Lockerungsübungen

Geplant, verschoben, abgesagt, wieder angesagt, nochmals verschoben, die Teilnehmerzahl reduziert, die Räume verlegt, dann die ursprünglichen doch zugelassen aber alles nochmals vertagt ― so gestaltete sich die Vorbereitung des diesjährigen Treffens der brandenburgischen Schriftsteller im Jugendbildungszentrum Blossin.

Von Thomas Bruhn

Nach einhundertelf Telefonaten, zweihundertachtundzwanzig Emails, sieben Programmkorrekturen und kurz vor dem neunzehnten Nervenzusammenbruch purzelten die Zahlen, so daß man höheren Ortes Lockerungsübungen verordnete und ein Fähnlein von zwölf Aufrechten an den Wolziger See reisen durfte. Allesamt vom Scheitel bis zur Sohle geimpft, geheilt und getestet sowie auf Drosten und Wieler vereidigt. Die Kollegen aus Berlin konnten in diesem Jahr nicht eingeladen werden. Die obwaltenden Beschränkungen ließen ein solches übermütiges über die Stränge schlagen nicht zu.

Das große Thema des Treffens lautete Anna Seghers, deren einhundertzwanzigstem Geburtstag wir im November vorigen Jahres gedachten.

Pünktlich zum Geburtstag erschien das Buch von Monika Melchert, in dem sie über die Jahre des mexikanischen Exils der Familie Seghers schrieb; die Jahre, in denen „Das siebte Kreuz“ erschien, „Transit“ abgeschlossen und „Der Ausflug der toten Mädchen“ geschrieben wurde; die Jahre, in denen die Seghers sich in die Herzen ihrer Leser schrieb. Erstaunliches offenbart der Rückblick: In Zeiten der größten Bedrängungen und der schwierigsten Lebensumstände – Pariser Exil, Flucht vor den Faschisten ins unbesetzte Süd-Frankreich und dann weiter nach Mexico, Rekonvaleszenz nach dem schweren Unfall 1943 – schrieb sie Weltliteratur.

Melcherts Buch trägt den Titel: „Im Schutz von Adler und Schlange“ und ist im verlag Quintus erschienen. Die Autorin ist ausgewiesene Spezialistin, hat sie doch über fast zwanzig Jahre die Gedenkstädte in Adlershof betreut und schon mehrere Titel über Lebensabschnitte der Seghers veröffentlicht. Sie hat, wie nicht anders zu erwarten, akkurat recherchiert. Da wird nicht vermutet oder schwadroniert oder gar zurechtgebogen, da ist jeder Satz und jede Bemerkung sorgfältig belegt und überlegt. Nun könnte man annehmen, daß bei diesem Anspruch die Lektüre trocken gerät ― dem ist nicht so. Monika Melchert erzählt lebhaft, bildhaft, spannend und voller Empathie. Selten wird Biografisches so herzerfrischend dargeboten. Wer nach Melcherts Büchern nicht zu denen der Seghers greift, ist für die Welt verloren.

Abends unterhielten sich Annett Gröschner und Dr. Roland Berbig über ihre Wege zu Anna Seghers. Beide lasen als ersten Text – in der DDR war es Schullektüre – „Das siebte Kreuz“, waren davon aber nicht sonderlich beeindruckt. Wer nun aber, wie Berbig, an die Uni wollte, um Germanistisches zu lehren und zu erforschen, konnte keinen Bogen um die großartigen Texte der Seghers schlagen. Trotz aller Beschäftigung, bleibt ihm das Bild der Autorin unscharf und es stellen sich ihm mehr Fragen als je Antworten zu erwarten sein werden. Anders Annett Gröschner: Schon während des Studiums der Germanistik hatte sie ein Ziel, sie wollte Schriftstellerin werden. Um dieses Ziel zu erreichen begann sie sich mit Schriftstellrinnen zu beschäftigen, die sowohl Kinder als auch Erfolg im Beruf hatten. Sie wollte wissen, wie die es geschafft hatten, Schreiben, also Arbeit ― die Seghers hatte gesagt: Schwerstarbeit ― und Familie unter einen Hut zu bekommen. Christa Wolf und Anna Seghers kamen ihr als Vorbilder gerade recht. Annett Gröschner hat sich die richtigen Lehrerinnen ausgesucht und hat wunderbare Bücher vorgelegt – ich esse in der „Linie 4“ am liebsten „Moskauer Eis“. In diesem Jahr wurde ihr der große Preis der Akademie der Künste zuerkannt.

Der Freitag ist in Blossin traditionell der Tag der Schreibwerkstatt. Selbst für gestandene Schriftstellerinnen und Schriftsteller ist eine Werkstatt immer etwas Besonderes, betritt hier doch ein in Stille und Einsamkeit erarbeiteter Text zum ersten Mal eine Bühne, noch dazu vor einem Fachpublikum.

Das Wetter war wie Erdbeeren mit Sahne und so bestand die erste Lockerungsübung aus einem ausgedehnten Spaziergang nach Wolzig. Dorten im Walde steht eine Wurzelkiefer. Ursprünglich auf einer märkischen Wanderdüne gewachsen, schaufelten die Bewohner des Dorfes den Kies in Karren und bauten ihre Häuser draus. Die Kiefer, ihres Grundes beraubt, bildete ein märchenhaftes Wurzelwerk aus und sicherte so ihren Stand. Ob die Häuser in Wolzig noch stehen, ist nicht vermerkt. Die Kiefer aber ist heute auf einer Tafel als Naturdenkmal ausgewiesen.

Die zweite Lockerungsübung? Wegen des vor der Tür stehenden Sommers, hatte der Palstek, die Kneipe am Hafen geöffnet und so konnten abends unter Sternen in winzigen Schlückchen schöngeistige Getränke genossen werden. Der weitaus größere Genuß bestand allerdings in der Ausübung von lang vermißter Nähe. Es wurde geschwatzt, geklatscht und getratscht und ein breites Grinsen der Glückseligkeit lag auf jedem Gesicht.

Das nächste Treffen wirft schon mit seinen Schatten um sich. Der Termin steht fest, so fest, wie in dieser Welt überhaupt etwas stehen kann: Vom 4. – 6. März 2022 wollen wir uns um Franz Fühmann kümmern, dessen 100. Geburtstag ins Haus steht.

So wie sie gekommen waren, geimpft, geheilt und getestet, aber zusätzlich auf sonderbare Weise von jeglicher Abstinenz geheilt und innwendig an Seele gelockert, zerstreute sich das Fähnlein in alle vier Winde.